Das Ende der Standardsoftware? Michael Vaclav (brandREACH) & Alexander Lipovics (ALYXON) im Interview

Was, wenn neue CRM-Funktionen nicht mehr Monate brauchen, sondern Minuten? Michael Vaclav (brandREACH) und Alexander Lipovics (ALYXON) bauen beim Customer Relationship Summit live einen CRM-Prototyp weiter, nach den Wünschen des Publikums. Im Interview erklären sie, warum KI und Vibecoding die alten Argumente gegen Individualsoftware ins Wanken bringen, warum die Grenze zwischen Standard- und Individualsoftware verschwimmt, und warum CRM-Einführungen fast nie an der Technik scheitern.

Die wichtigsten Take-aways

  1. Die Make-or-Buy-Frage stellt sich neu:
    • Mit Vibecoding lässt sich Individualsoftware heute in einem Bruchteil der Zeit und Kosten bauen, das verschiebt die gesamte Rechnung gegenüber Standardsoftware.
  2. Der alte Einwand fällt weg:
    • Das Argument gegen Individuallösungen war nie die Erstentwicklung, sondern Weiterentwicklung, Updatefähigkeit und Wartung, genau diese Hürden senkt KI massiv.
  3. Der Trend: hybride Architekturen:
    • Plattformen wie HubSpot verschwinden nicht, sie bieten Sicherheit und Ökosystem, ergänzt werden sie aber zunehmend um individuell und schnell gebaute Erweiterungen.
  4. Der größte Fehler:
    • Unternehmen denken ihr CRM entlang von Abteilungsgrenzen statt entlang der Customer Journey, Kund:innen spüren jeden Bruch zwischen Marketing, Sales und Service.
  5. Der größte Aha-Moment:
    • CRM-Einführungen scheitern fast immer an Menschen und Prozessen, nicht an der Technik, das beste System bringt nichts, wenn das Team es nicht nutzt.

Zum Interview

Worum wird es in deinem Vortrag gehen? Kannst du den Inhalt grob umreißen?

Über KI reden wir meistens im Zusammenhang damit, wie Marketing, Sales und Service zusammenarbeiten oder wie sich eCommerce verändert. Was dabei oft untergeht: KI verändert auch die Software selbst, mit der wir arbeiten. Mit Vibecoding lässt sich Individualsoftware heute in einem Bruchteil der Zeit und Kosten bauen. Alexander und ich zeigen einen CRM-Prototyp, der auf diese Weise entstanden ist, und demonstrieren live, wie schnell sich Anpassungen umsetzen lassen. Die zentrale Frage dahinter: Wenn Individualsoftware plötzlich schnell, günstig und weiterentwickelbar wird, was bedeutet das für klassische Standardsoftware wie CRM-Systeme?

Warum machst du beim Customer Relationship Summit mit?

Weil das Thema jeden betrifft, der heute in CRM investiert oder eine Systementscheidung vorbereitet. Ich arbeite seit vielen Jahren mit Standardsoftware und bin überzeugt von ihren Stärken, und genau deshalb finde ich es wichtig, die eigene Position ehrlich zu hinterfragen. Der Summit ist dafür der perfekte Ort: ein Publikum, das täglich mit Kundenbeziehungen arbeitet und weiß, wo die Systeme im Alltag drücken.

Worauf können sich die Teilnehmer:innen bei deinem Vortrag freuen?

Auf keinen Folienvortrag, sondern auf eine Live-Demo, bei der das Publikum mitgestaltet. Wir laden alle ein, sich Funktionen für das CRM zu wünschen oder einfach zu erfinden, und bauen diese dann live während des Vortrags. Ob das klappt, sehen wir gemeinsam. Genau das macht es spannend.

Wenn du einen Punkt hervorheben könntest, der in deinem Vortrag besonders wichtig ist — welcher wäre das?

Das Argument gegen Individualsoftware war jahrzehntelang nicht die Erstentwicklung, sondern alles danach: Weiterentwicklung, Updatefähigkeit, Wartung, Testing. Ich war selbst nie ein Fan von Individuallösungen, nur wenn es wirklich nicht anders ging. Wenn KI genau diese Hürden massiv senkt, verschiebt sich die gesamte Make-or-Buy-Rechnung. Darüber sollte jedes Unternehmen nachdenken, bevor es die nächste Softwareentscheidung trifft.

Was ist aktuell das spannendste Thema in deinem fachlichen Umfeld?

Ganz klar die Frage, wie KI vom Assistenten zum Akteur wird. Bisher hat KI im CRM vor allem Texte geschrieben oder Daten zusammengefasst. Jetzt übernehmen KI-Agents ganze Prozessschritte, und gleichzeitig verändert KI die Art, wie Software überhaupt entsteht. Beides zusammen stellt vieles infrage, was wir bisher für selbstverständlich gehalten haben.

Welchen Trend im Bereich Customer Relationship / CRM / Marketing & Sales Automation siehst du für die nächsten Jahre als besonders relevant?

Die Grenze zwischen Standard- und Individualsoftware wird verschwimmen. Ich erwarte nicht, dass Plattformen wie HubSpot verschwinden, sie bieten Sicherheit, ein Ökosystem und laufende Innovation. Aber wir werden deutlich mehr hybride Architekturen sehen: eine stabile Plattform als Fundament, ergänzt um individuell und schnell gebaute Erweiterungen, die genau auf die eigenen Prozesse passen. Die entscheidende Kompetenz wird sein, sauber zu entscheiden, was man kauft und was man baut.

Was ist der größte Fehler, den Unternehmen im Umgang mit ihren Kund:innen machen?

Prozesse aus der eigenen Innensicht zu denken statt aus der Sicht der Kund:innen. Viele Unternehmen organisieren ihr CRM entlang von Abteilungsgrenzen, und die Kund:innen spüren jeden Bruch zwischen Marketing, Sales und Service. Ein CRM ist nur so gut wie die Customer Journey, die dahinter gedacht wurde.

Was war für dich persönlich der größte Aha-Moment in deiner beruflichen Laufbahn im Bereich Customer Relationship?

Dass die Einführung eines CRM selten an der Technik scheitert, sondern fast immer an den Menschen und Prozessen. Das beste System bringt nichts, wenn das Team es nicht nutzt. Seitdem beginnt jedes Projekt bei uns mit der Frage, wie Menschen arbeiten, nicht mit der Frage, welche Funktionen das System hat. Und ein zweiter, ganz aktueller Aha-Moment: zu sehen, wie schnell ein funktionsfähiger CRM-Prototyp heute entstehen kann. Das hat mein Bild von Individualsoftware grundlegend verändert.

Welchen Tipp würdest du Teilnehmer:innen mit auf den Weg geben, die dein Thema in die eigene Praxis übersetzen möchten?

Ausprobieren, aber mit klarem Rahmen. Nehmt einen konkreten Use Case, der in eurer bestehenden Software heute schlecht abgebildet ist, und testet, wie weit ihr mit Vibecoding kommt. Dabei aber die Grundsatzfragen nicht vergessen: Wer betreut die Lösung langfristig, wie steht es um Datenschutz und Sicherheit, und wie spielt sie mit dem Rest der Systemlandschaft zusammen? Schnell bauen ist heute einfach. Gut entscheiden, was man baut, bleibt die eigentliche Kunst.

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